Nüchterne Blicke pt. 2
Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so verliebt in sein eigenes Bildnis ist wie diese Frau. Jedes mit ihr geknipste Bild wird sofort am Display gecheckt, ob Gesicht und Ausdruck in Ordnung sind. Bei der kleinsten Abweichung von den eigenen Idealvorstellungen wird es sofort gelöscht. Jedes Bild, das ich von ihr mit meiner Kamera mache, wird ebenfalls der Zensur unterzogen. Und ist oft ein mühsames Ringen, das eine oder andere Bildchen doch behalten zu dürfen, unter massiven Beteuerungen, dass ich sie niemanden zeigen werde.
Wo bin ich auf den Fotos?
Auf den hunderten Fotos, die sie geschossen hat, bin ich nirgendwo zu sehen, außer einmal in einer glänzenden Christbaumkugel, aber auch nur dann, wenn man in das Foto ordentlich reinzoomt. Ist doch seltsam oder? Wenn ich mit Leuten zusammen bin und die Kamera dabei habe, dann ist es mein natürlicher Impuls, mich mit diesen Menschen auch einmal gemeinsam ablichten zu lassen. Auf meine spaßhafte Frage: Und? Wie sieht es aus mit einem 'Picture with us?', bleibt sie mir die Antwort jedes Mal schuldig. Dennoch gibt es Fotos, auf denen wir gemeinsam zu sehen sind, weil ich ein paar mit ausgestrecktem Arm und auf uns gerichteter Kamera geschossen habe.
'Give me your camera'
Kleine Belustigung am Rande: Im Schlosspark von Schönbrunn vor dem Neptunbrunnen tummeln sich gerade ein paar russische Touristen.
Give me your camera.
Was will sie denn jetzt, denke ich, und schon ist sie bei ihren Landsleuten, und bittet eine Frau, ein Foto von uns beiden zu schießen – aber wohl gemerkt: mit meiner Kamera!
Sie wird doch nicht wertvollen Speicherplatz auf ihrer Karte vertun mit einem Foto, auf dem auch mein Konterfei zu sehen ist, das ja nur das Bild verschandelt.
Ein weiterer Vorteil der Solobilder, der nicht zu übersehen ist: Sie kann die Bilder gefahrlos jedem anderen Mann zeigen und umgeht lästige Fragen: Wer ist der Typ neben dir auf dem Bild. Denn auch ich habe nur Bilder von ihr und ihrem Sohn gesehen. Alle anderen Personen werden erst gar nicht für ein Foto in Betracht. Man hat den Eindruck, diese Frau ist überall allein, nur mit ihrem kleinen Sohn unterwegs. Nirgendwo taucht ein Mann auf. Die Bilder sind allesamt entzückend, dass einem die Abwesenheit anderer Personen vorerst gar nicht sonderbar erscheint. Im Nachhinein jedoch schon.
(Fortsetzung folgt)
11.01.2009
Wo bin ich auf den Fotos?
Auf den hunderten Fotos, die sie geschossen hat, bin ich nirgendwo zu sehen, außer einmal in einer glänzenden Christbaumkugel, aber auch nur dann, wenn man in das Foto ordentlich reinzoomt. Ist doch seltsam oder? Wenn ich mit Leuten zusammen bin und die Kamera dabei habe, dann ist es mein natürlicher Impuls, mich mit diesen Menschen auch einmal gemeinsam ablichten zu lassen. Auf meine spaßhafte Frage: Und? Wie sieht es aus mit einem 'Picture with us?', bleibt sie mir die Antwort jedes Mal schuldig. Dennoch gibt es Fotos, auf denen wir gemeinsam zu sehen sind, weil ich ein paar mit ausgestrecktem Arm und auf uns gerichteter Kamera geschossen habe.
'Give me your camera'
Kleine Belustigung am Rande: Im Schlosspark von Schönbrunn vor dem Neptunbrunnen tummeln sich gerade ein paar russische Touristen.
Give me your camera.
Was will sie denn jetzt, denke ich, und schon ist sie bei ihren Landsleuten, und bittet eine Frau, ein Foto von uns beiden zu schießen – aber wohl gemerkt: mit meiner Kamera!
Sie wird doch nicht wertvollen Speicherplatz auf ihrer Karte vertun mit einem Foto, auf dem auch mein Konterfei zu sehen ist, das ja nur das Bild verschandelt.
Ein weiterer Vorteil der Solobilder, der nicht zu übersehen ist: Sie kann die Bilder gefahrlos jedem anderen Mann zeigen und umgeht lästige Fragen: Wer ist der Typ neben dir auf dem Bild. Denn auch ich habe nur Bilder von ihr und ihrem Sohn gesehen. Alle anderen Personen werden erst gar nicht für ein Foto in Betracht. Man hat den Eindruck, diese Frau ist überall allein, nur mit ihrem kleinen Sohn unterwegs. Nirgendwo taucht ein Mann auf. Die Bilder sind allesamt entzückend, dass einem die Abwesenheit anderer Personen vorerst gar nicht sonderbar erscheint. Im Nachhinein jedoch schon.
(Fortsetzung folgt)
11.01.2009
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